Q-loud IoT Blog

Proof-of-Concept, Industrial IoT, Digitalisierung

"Mechanik ist auserzählt" - Dr. Myriam Jahn zur EMO 2019

Dr. Myriam Jahn zieht ein nachdenkliches Fazit. E-Mobilität macht Herstellern und Betreibern von Werkzeugmaschinen das Leben schwer. Als CEO der Q-loud GmbH, einem IIoT-Anbieter mit digitalem Service- und Produktangebot, ist Jahn eine ausgewiesene Kennerin der beiden Welten OT und IT. Grund genug sie auf der EMO 2019 zu einer Bestandsaufnahme der Werkzeugmaschinenbauer und der angeschlossenen metallverarbeitenden Industrie zu befragen.

 

Frau Dr. Jahn, wie ist Ihr Eindruck von der EMO 2019, was treibt die Branche der Werkzeugmaschinenbauer?

Die Branche steckt ganz klar mitten in einem dramatischen Paradigmenwechsel. Gründe dafür sind vor allem Elektromobilität, additive Fertigung und Digitalisierung. Da zeichnen sich eklatante Veränderungen für die Werkzeugmaschinenbauer und deren metallverarbeitende Kunden ab. Als Beispiel: Ein Verbrennungsantrieb setzt sich aus gut 1.400 Teilen zusammen, seine elektrische Schwester aus rund 210. Ein Elektroauto braucht keinen Tank, keinen Auspuff und keine Kupplung. Hinzu kommt, dass statt Metall eher Carbon verbaut werden soll. Als wäre das noch nicht genug, spielt das Thema 3D-Druck von Metallteilen nach wie vor eine Rolle. Wenn Metallteile gedruckt und nicht gegossen werden, braucht man die klassischen Werkzeuge nicht mehr.

 

Das hört sich tatsächlich nach einer existenziellen Situation an. Für Maschinenbauer und Kunden gleichermaßen?

Oh ja! Nach Jahren der Hochkonjunktur blicken die Werkzeugmaschinenbauer eher verhalten in die Zukunft. Das Thema Mechanik ist im Prinzip auserzählt. Ich habe auf der EMO 2019 hier viele Stimmen gehört, die ein eher düsteres Bild für die nächsten zwei bis drei Jahre zeichnen. Und eins ist sicher: Viel Reaktionszeit bleibt nicht.

 

Was ist Ihrer Auffassung nach der Weg aus der Misere?

Es gibt mehrere Chancen. Allerdings muss man Sie ergreifen und nicht hoffen, dass der Sturm an einem vorbeizieht. Neben der Spezialisierung auf Oberflächentechnik und 3D-Druck – was nicht jedem so einfach gelingt – können Unternehmen mit digitalisierten Geschäftsmodellen den Negativtrend aufhalten.

 

Digitalisierung als Heilsbringer hört man salopp gesagt an jeder Ecke. Ist das tatsächlich die Rettung?

Einige Unternehmen haben sich in puncto Digitalisierung bereits gut aufgestellt und können Erfolge vermelden. Besonders vielversprechend sind Pay-per-Use-Modelle. Nicht umsonst fordert der VDMA schon lang diese Option und viele Maschinenbauer arbeiten bereits daran. Der größte Vorteil in der derzeitigen Situation ist schlicht, dass der Betreiber der Maschinen nicht vorfinanzieren muss. Das Upfront-Investment ist gering. Und er bezahlt nur das, was durch Kundenaufträge bereits abgedeckt ist. Hersteller mit Pay-per-Use-Modellen im Feld berichten, dass sich so durchaus eine positive Bilanz erreichen lässt. Der Betreiber wiederum profitiert natürlich auch direkt davon. Denn durch die Optimierung des Herstellers optimiert sich automatisch seine Produktion.

 

Aber Leasingmodelle aufzusetzen scheint doch nicht besonders komplex?

Pay-per-Use- oder Betreibermodelle funktionieren nur, wenn der Werkzeugmaschinenbauer die Performance seiner Maschine im Feld optimal kennt. So kann er eine höhere Produktivität erreichen, als das der Anwender selbst tun könnte. Einfaches Condition Monitoring reicht allerdings nicht, um durch Ausnutzen von Optimierungspotenzial die Marge zu steigern. Dazu braucht es eine Menge Daten, die im Betrieb erhoben werden. Die Maschine muss dazu im Zusammenhang mit Parametrierung, Identifikation, Prozessdaten und Diagnose jedes einzelnen Sensors komplett digitalisiert sein. Neben der technischen Seite muss sich außerdem der Mindset ändern. Der Kunde muss z. B. akzeptieren, dass ihm die Maschine nicht mehr gehört und dass der Werkzeugmaschinenbauer Einblicke in die Fertigungsdaten hat. Auch wenn er möglicherweise die direkte Konkurrenz ebenfalls beliefert. Das ist eine gewaltige Vertrauensfrage.

 

Gibt es Anwendungsfälle, die bereits gut umgesetzt wurden?

Ehrlicherweise muss man sagen, dass die wenigsten die Anbindung Ihrer Maschine bereits serienreif beherrschen. Es geht einfach nicht ohne ein zuverlässiges Edge-Computing und skalierbare Industrial IOT Lösungen. Allerdings gibt es für die Angebote der großen Player wie Microsoft oder Siemens derzeit kaum feste Preislisten und kaum kalkulierbare Modelle. Da fehlt vielen, mit denen ich hier spreche, einfach die Preissicherheit. Zudem stellen sich die Fragen: Wie bilde ich die Software in meinen Maschinen ab? Wie mache ich sie 5G-fähig? Was verändert sich in puncto Security? Die Erkenntnis reift, dass bisherige Konzepte da nicht ausreichen. Trotzdem sehe ich aber einige vielversprechende Ansätze. Besonders positiv aufgefallen ist mir z. B. Heller. Standards hat Schütte mit der Kombination aus umati und zentraler Cloudinstanz überzeugend aufgegriffen. Ein dritter ist vielleicht Monforts mit einem umfassenden Condition Monitoring Konzept und dem Beginn von Predictive Maintenance.

 

Dann machen wir es ganz konkret: Was müssen Werkzeugmaschinenbauer und metallverarbeitende Industrie jetzt tun?

Zu allererst müssen sie die Situation annehmen und handeln. Denn der ökonomische Downturn ist durch die gesellschaftliche und politische Entwicklung ausgelöst worden und nicht aufzuhalten. Neben der technischen Umsetzung der Digitalisierung stellt die Umstellung der Prozesse eine besondere Herausforderung dar. Im Zusammenhang mit Betreibermodellen müssen auch interne Prozesse völlig anders laufen. Die Schwierigkeiten stecken im Detail. Das geht z. B. runter bis in die AGBs, die dann auch Software und Services betreffen müssen.

 

Wie kann Q-loud als Spezialist zur Vernetzung von Maschinen und Anlagen dabei unterstützten?

Technisch schließen wir die Lücke zwischen OT auf dem Shopfloor, der IT-Welt und den IoT-Clouds. Da wir uns in beiden Welten sehr gut auskennen, können wir im Gegensatz zu den anderen Playern die Preissicherheit bieten. Für unsere Kunden bedeutet das, dass sie zu einem sehr frühen Zeitpunkt in der Realisierung mit einem zuverlässigen Preisschild für die Vernetzung kalkulieren können. Hinzu kommt der Betrieb der IoT-Softwarestacks in eigenen Rechenzentren in Deutschland. So bleibt in unseren Lösungen die Datenhoheit immer beim Kunden. Ein elementarer Punkt. Denn was vielen nicht bewusst ist: Derzeit ist die Rechtslage zumindest unklar, wem die Maschinendaten und die Lernergebnisse der darauf aufsetzenden Künstlichen Intelligenz (KI) gehören – dem Datenlieferanten oder dem Dienstleister, der die KI geschaffen hat. Industrial-IoT-Lösungen von Q-loud sind immer so flexibel aufgesetzt, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt in einem anderen Cloudsystem oder in Multicloudszenarien verwendet werden können. Stichwort Portabilität.

 

Ok, die notwendigen technischen Komponenten sind vorhanden. Wie kann der Startschuss zu digitalen Geschäftsmodellen konkret aussehen?

Wir machen einen IIoT-Proof-of-Concept zur Spezifikation. Für 25.000 € steht ein demonstrierbares Pay-per-Use-Modell als Prototyp auf dem Shopfloor. „Hinter“ der Maschine sorgen wir für die notwendige Hardwareintegration, beraten mit dem Kunden die notwendige Konnektivität z. B. per Mobilfunk wie NB-IoT oder 5G. Auf Basis des Q-loud IoT-Hubs können dann Lösungen für Billing, Softwareorchestrierung, Geräte- und Nutzerverwaltung, Securitystacks oder Schnittstellen ins MES oder ERP-System realisiert werden. Bei der Digitalen Transformation als solches helfen unsere Kollegen von QSC Innovative Business Solutions. Sie unterstützen die Kunden durch Innovationsworkshops und Hackathons. So entsteht ein übergreifendes Verständnis für neue Lösungen. Das erhöht Chancen des Erfolgs von neuen Service-Modellen erheblich.


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Simon Rusch

Simon Rusch

Simon Rusch ist seit 2013 bei Q-loud und Spezialist für Themen rund um Digitale Wertschöpfung im Internet der Dinge und die praktische Umsetzung von IoT-Lösungen für Industrie, Gebäudetechnik und Energy Management.

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